Thessalonikis Solidarische Klinik auf Rundreise in Deutschland

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Bochum. Von links nach rechts: Stavroula Poulimeni und Eva Babalona

Vom 28.September bis zum 2.Oktober 2016 wurde der Dokumentarfilm „Einsam oder gemeinsam?“ über die Solidarische Klinik in Thessaloniki in Berlin, Bremen, Bochum und Frankfurt/M. gezeigt. Mit dabei waren Stavroula Poulimeni, eine der Film-Autorinnen, und Eva Babalona, eine Aktivistin der Klinik.

 

Frankfurt
„In Frankfurt hatten wir eine sehr gute Diskussion, wenn auch nicht allzu viele Teilnehmer. Es waren ca. 50 Leute da. (Das lag auch an der RLS-Tagung, die bis Sonntag Mittag dauerte. Manche Besucher der Konferenz waren zu erschöpft, am Abend gleich weiter zu machen…).
Eva und Stavroula haben sich sehr gefreut über unsere Veranstaltungsreihe – und es hat auch ihnen etwas gebracht. Das haben sie gestern Abend noch mal festgehalten. Bei all den Frustrationen der letzten Monate und der Erschöpfung durch die zermürbenden Debatten innerhalb der Bewegung haben sie durch den Blick von Außen und die Diskussionen hier neue Kraft geschöpft, so haben sie es zumindest gesagt. Während in Griechenland verständlicherweise die Debatte über die große Niederlage der Linken und den Umgang mit der Regierung jetzt etc. viele anderen Debatten und auch die Praxis dominiert, ist in den Debatten bei uns noch einmal deutlich geworden, welche positiven Botschaften die Bewegung eben auch hat. Jahrelange kollektive Selbstorganisation und widerständige Praxis und auch die medizinische Versorgung von so vielen Menschen, die ansonsten ohne Versorgung geblieben, manche auch gestorben wären, das sind Errungenschaften, die über das politische Scheitern oder die Niederlage hinaus Bestand haben. Sich dessen wieder erinnern zu können, war Eva und Stavroula durch die Diskussion hier möglich. So geben sie nicht nur uns etwas von ihrer Stärke, sondern wir haben etwas zurückgeben können – ohne dass uns dies im Vorhinein klar war.“ Nadja Rakowitz

Bochum
„Der Filmabend mit der Aktivistin Eva Babalona und der Filmemacherin Stavroula Poulimeni fand in den Räumlichkeiten von ver.di in Bochum statt und wurde von griechischer Rembetiko Live-Musik von Dimitris Pradekos und Freunden, sowie Snacks abgerundet. Die Gewerkschaftssekretärin Katharina Schwabedissen, die selbst noch vor einem halben Jahr die Solidarische Klink in Thessaloniki besucht hatte, sprach das Grußwort in englischer Sprache. Darin hob sie hervor, dass die Solidarische Klinik
nicht ein Charityprojekt sei, sondern ein Ort, an dem Solidarität und Hilfe zur Selbsthilfe im Mittelpunkt stehen. Außerdem betonte sie besonders die Notwendigkeit, dass jede Initiative ihren Kampf in ihrem Land kämpfen muss, um schließlich die Kämpfe länderübergreifend solidarisch zu verbinden.

Nach dem bewegendem Film beantworteten Eva und Stavroula zunächst zahlreiche Fragen zu Organisationsstrukturen, Finanzierung, zum Arbeitsalltag und den Abläufen in der Solidarischen Klinik. In der offenen Diskussion wurde u. a. thematisiert, inwieweit die solidarischen Initiativen in Griechenland staatliche Aufgaben und Verpflichtungen wahrnehmen wollen oder ob sie Keimzelle einer solidarischen Alternative sein können. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass in Griechenland seit April 2016 etwa 2,2 Millionen Menschen ohne Sozialversicherung wieder kostenfreien Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem haben, einkommensschwache Bürger von der Selbstbeteiligung bei Medikamenten befreit sind und Ausländer, wie Flüchtende oder Migranten, eine Gesundheitskarte erhalten. Außerdem wurde intensiv über die Gefahr eines weiteren Abdriftens Europas nach Rechts und die Möglichkeiten von Gegenmaßnahmen diskutiert.

Im Mittelpunkt einer sehr scharf geführten Debatte stand die Frage, ob eine andere Gesundheitspolitik, die sich an den Bedürfnissen der Menschen und nicht an haushaltspolitischen Gegebenheiten orientiert, in Griechenland überhaupt möglich sei. Schließlich hänge die Finanzierung der öffentlichen Gesundheitssysteme von finanziellen Einkünften ab. Womöglich sei Griechenland ja selbst Schuld, da es mit einem „aufgeblähten“ Apparat über die eigenen Verhältnisse gewirtschaftet habe. Dem hielten Eva und Stavroula sehr entschieden entgegen, dass das Narrativ der Kollektivschuld der GriechInnen bewusst dazu bemüht worden sei, ein Klima zu erzeugen, in dem die Spardiktate der Memoranden durchgesetzt werden konnten. Außerdem sei Europa an einem Scheideweg angekommen sei, wo es zwischen zwei ökonomischen Modellen zu wählen habe: der Bedürfnisökonomie und der Profitökonomie. Dass der Kapitalismus bisher keine überzeugende Antwort erbracht habe, um die wesentlichen Probleme der Menschen und Gesellschaften zu lösen, liege auf der Hand, denn wir alle könnten sehen, dass sich faschistische Tendenzen überall ausbreiteten. Schließlich könne Europa scheitern, wenn die Herausforderung der Flüchtlingsströme nicht gelöst werden würden.

Sehr vehement wurde auch diskutiert, inwieweit die griechische Regierung unter dem Kürzungsdiktat der Memoranden überhaupt in der Lage sei, souverän zu entscheiden, welche politischen Maßnahmen sie ergreifen könne, oder ob die grundlegenden Entscheidungen nicht vielmehr in Berlin und Brüssel getroffen würden.

Am Samstagmorgen waren Eva und Stavroula mit der Hellas Solidarität Bochum zu einem offenen Frühstück im Gemeinschaftsprojekt Alsenwohnzimmer eingeladen. Hier fand ein Gedanken- und Informationsaustausch zwischen den griechischen Aktivistinnen und der lokalen sozialen Initiative statt, der mit einem Besuch des Gemeinschaftsgartens „Alsengarten“ der Bochumer Initiative endete. Vor der Weiterreise nach Frankfurt gingen wir noch auf den Wochenmarkt am Hauptbahnhof, wobei sich spontan ein intensiver und herzlicher Kontakt mit in Bochum ansässigen Griechinnen ergab. Solidarische Grüße“
Hellas Solidarität Bochum

Bremen
„Nach dem Filmabend: Dankesmail
Liebe Freundinnen und Freunde Griechenlands,
die ca. 40 Personen, die gestern Abend den Film über die solidarische Praxis K.I.A. gesehen haben, werden mir sicher zustimmen: es war ein sehr eindrucksvoller Film. Er hat in bewegenden Bildern und Lebensgeschichten die katastrophalen Folgen der den Griechen angetanen Austerität erfahrbar gemacht. Und er hat uns einige der vielen engagierten Ärztinnen und HelferInnen dieses komplexen Netzwerks der solidarischen Klinik in ihrer Arbeit gezeigt und in den Interviews sichtbar gemacht, was sie persönlich bewegt. Über ihr humanitäres Engagement hinaus setzen sie sich ein für ein anderes Gesundheitssystem, eines, das allen Menschen dient, unabhängig von deren Herkunft, Glauben und finanziellem Reichtum.

Ich möchte den beiden Referentinnen, Eva Babalona und Stavroula Poulimeni danken für diesen Film und ihre Erläuterungen zu unseren Fragen, ebenso Chaidoula Lymperoudi, für ihre lebendigen Worte und ihre Übersetzung, und Inge Danielzick, die uns das schöne Forum als Veranstaltungsort geöffnet hat.

Ein besonderer Dank von den Referentinnen – und von Sympáthia – geht an alle Anwesenden, die den sensationellen Betrag von 351 € für die solidarische Praxis in Thessaloniki gespendet haben.

Was wir von diesem Abend auch mitnehmen konnten: Die Verelendungspolitik, die besonders Griechenland erleidet, gibt es zwar noch nicht so sichtbar und weitreichend, aber doch längst auch bei uns -und die Privatisierung des Gesundheitswesens schreitet auch in Deutschland voran. Nicht nur private Kliniken nehmen zu, die Frage, was sich rechnet, bestimmt inzwischen auch die medizinische Versorgung in kommunalen Kliniken in unserem Land, dem Land der Schuldenbremsen und schwarzen Null. Und der ganze Bereich der Rehabilitation und Altenpflege ist längst privatisiert.

Wir werden die Anregung aus der Diskussion aufgreifen und versuchen, den Film, sobald er erhältlich ist, auch vor Ärztinnen und anderen Beschäftigten des Gesundheitswesens zu zeigen – möglichst in Zusammenarbeit mit Ärztekammer und Verdi – mal sehn, ob das erreichbar ist.
Herzliche Grüße auch von Eva und Stavroula!“ Gerd Bock

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(c) Giovanni Lo Curto www.giovannilocurto.de

Berlin
Der Abend mit den Aktivistinnen aus Thessaloniki war ein großer Erfolg. Das Kino gerammelt voll. Es mussten Ersatzstühle herangeschafft werden, viele saßen auf dem Fußboden. Weit mehr als 100 Personen sahen sich den Film über die solidarische Klinik an und verfolgten die Diskussion. Das Interesse an den Erläuterungen von Eva und Stavroula war groß. Nachdem der Diskussionsleiter die Veranstaltung beendet hatte, wurde noch lange weiter kommuniziert, Radio funkhaus europa führte lange Interviews mit den beiden Griechinnen.
Obwohl das Kino einen (moderaten) Eintrittspreis verlangte, spendeten die Zuschauer 417,- Euro für die Klinik.

Radio
Der Radiosender funkhaus europa brachte eine Sendung zur Filmaufführung in Berlin.

Film-Info
„Einsam oder gemeinsam?“ Dokumentarfilm über die Solidarische Klinik in Thessaloniki70 Minuten, Griechisch mit deutschen Untertiteln, Thessaloniki 2016, von Eirini Karagkiozidou, Akis Kersanidis, Aimilia Kouyioumtzoglou, Kiki Moustakidou, Stavroula Poulimeni, Chrysa Tzelepi. Trailer für den Film:

SOLITAIRE OU SOLIDAIRE? TRAILER from Anemicinema on Vimeo.

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