mosaik: „Verlassen wir Europa“

Frankfurt am Main

Frankfurt am Main

Für Syrizas Führung sowie den Großteil der Linken in Europa war bisher klar: Ein politischer Kurswechsel darf nur innerhalb der EU stattfinden. Diese Strategie ist mit der Erpressung Griechenlands durch die Eliten zu einem Ende gelangt. Es ist an der Zeit, linke Gewissheiten neu zu diskutieren. Das bedeutet auch, die Idee von Europa selbst in Frage zu stellen.

Weite Teile der Linken teilen die Liebe zur europäischen Idee. Trotz all ihrer Mängel ist die EU immer noch ein gewaltiger Fortschritt gegenüber dem Nationalstaat und dem Nationalismus, der Krieg und Elend über „unseren” Kontinent gebracht hat. Die Idee Europa steht für Frieden, Demokratie, Freiheit und Menschenrechte. Für Tsipras und viele Linke scheint ein Ende Europas die größte vorstellbare Katastrophe. Das Ende des Kapitalismus wirkt heute für viele realistischer, als das Ende der EU.

In Folge der Ereignisse rund um Griechenland wird nun innerhalb der Linken wieder vermehrt über Sinn und Unsinn des Euro diskutiert. Was uns aber letztendlich daran hindert, eine radikale Alternative zu wählen, ist nicht nur der Euro: sondern das Festhalten an der Idee Europa. Solange wir Europa weiter als bevorzugten Horizont des politischen Handelns begreifen, bleiben wir Gefangene der real existierenden EU und des autoritären Neoliberalismus. Europa ist keine gute Idee die nur falsch umgesetzt wird, die Idee selbst ist das Problem.

Europa als Raum und Idee

Das Europa, das wir heute kennen ist nicht einfach eine natürliche Gegebenheit. Europa wurde Anfang des 15. Jahrhunderts geschaffen, genauer gesagt wurde es durchgesetzt. Nicht zufällig fällt diese Entwicklung mit der Frühphase der Entstehung des Kapitalismus im heutigen Europa zusammen. Im Inneren wurden die alten sozialen Beziehungen zerstört, Bäuer_innen von ihrem Land vertrieben und Menschen in die Lohnarbeit gezwungen. Nach außen begannen Kolonialismus und Imperialismus. Der „Rest“ der Welt wurde von den europäischen Mächten unterworfen, der grausame Kolonialismus förderte die Schätze, die für den Kapitalismus notwendig waren und immer noch sind. Diese Trennung in reiche Zentren und arme Peripherie ist seit damals notwendiger Bestandteil des Kapitalismus. Sie kennzeichnet die Beziehung Europas zum Rest der Welt, aber auch die Verhältnisse im Inneren. Der Wohlstand, den es heute in Europa gibt, beruht auf der Ausbeutung anderer Teile der Welt in Vergangenheit und Gegenwart.

Mit Europa als wirtschaftlicher Macht entstand auch Europa als Idee. Der palästinensische Theoretiker Edward Said bezeichnete diese Idee als „Eurozentrismus”. Um die Gräuel des Kolonialismus zu rechtfertigen, musste sich Europa selbst als Hort von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten begreifen. Demgegenüber soll ein unfreier, irrationaler und grausamer Orient stehen, den es zu „europäisieren“ gilt. Diese Konstruktion der „Anderen“ ist bis heute ein zentraler Bestandteil europäischer Ideologie. Europa präsentiert sich trotz „einheimischer“ Po-Grapschdebatten und menschenverachtender Asylpolitik als Hort der Frauenrechte und Menschlichkeit in Abgrenzung zu einem vermeintlich nicht-europäischen „rückständigen und barbarischen” Islam. Und Teile der Linke spielen da mit.

Artikel von Martin Konecny in mosaik vom 4. August 2015

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter EU, Europa veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s