Süddeutsche Zeitung: Das „System Schäuble“

Wir erleben die innere Kolonialisierung Europas: Die Regierung in Athen wird entmündigt und die griechische Gesellschaft nach marktradikaler Ideologie umgestaltet.

Von Stephan Lessenich

OXI Schäuble!„Merkel rettet Griechenland mit unserem Geld“ titelte die Bild-Zeitung nach einem weiteren nächtlichen Brüsseler Drama um die Zukunft des Euro. Schön wär’s gewesen. Leider aber lag das wichtigste deutsche Schlagzeilenmedium in allen Punkten seiner Lagebeurteilung falsch: Weder ist Griechenland gerettet, noch sind die in Frage stehenden Milliarden „unser“ Geld – und schon gar nicht war die Bundeskanzlerin die zentrale Gestalt in dem zugegeben äußerst undurchsichtigen europäischen Ringen.

Sicher, Angela Merkel ist gerne zu Gast bei Endspielen, und an jenem Wochenende war ein solches Endspiel angesetzt. Aber die Brüsseler Fäden zog allem Anschein nach ihr Finanzminister: „Dr. Schäuble“, wie er spätestens seither in Europas Süden, also dort, wo man angeblich nicht so gerne früh aufsteht und auch mal fünfe gerade sein lässt, mit ehrfurchtsvollem Hass tituliert wird.

Bei allem Verständnis für die aus der südeuropäischen Not geborene persönliche Adressierung von sozialer Wut, Angst und Verzweiflung an eine Instanz aus (ja, doch) Fleisch und Blut, einschließlich der offenbar unvermeidlichen Hitlerbärtchenapplikation, ist Wolfgang Schäuble aber wohl doch weniger als natürliche denn als historische Person von Interesse.

Weiterlesen in der Süddeutsche Zeitung vom 26.07.2015

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