NachDenkSeiten: Von „faulen Griechen“ und „fleißigen Deutschen“

Was steckt eigentlich hinter dem Denken vom „Wir“ und „den Anderen“, das aktuell unter anderem in der Rede von „faulen Griechen“ und „fleißigen Deutschen“ kumuliert? Eine Art „fiktiver Kollektividentität“, die stets anfällig für Feindbildprojektionen ist, meint der Soziologe und Publizist Rainer Schreiber im Gespräch mit Jens Wernicke.

Herr Schreiber, in einer aktuellen Publikation wenden Sie sich gegen, wie Sie es nennen, „das Identitätsgetue“. Damit machen Sie sich sicher nicht viele Freunde. Identität braucht der Mensch doch?

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Karikatur von Klaus Stuttmann

In einem sehr allgemeinen Sinn trifft dies zweifellos zu – Menschen definieren sich als Personen über ihre Eigenschaften, Interessen, Werte und Überzeugungen; insofern haben sie nicht eine, sondern viele Identitäten, die sie selbst gewichten, hervorheben, aber auch verändern und ablegen können: Aus dem katholischen Schüler, der sich mit Religionskritik beschäftigt, wird unter Umständen ein Agnostiker; der muslimisch-türkische Facharbeiter, der in Deutschland lebt, kann zu einer liberaleren Auffassung von Religion gelangen; und beide können etwa ihre Mitgliedschaft in der Gewerkschaft wichtiger finden als ihre Herkunft usw. usf.

Problematisch und zum „Getue“ wird Identität aber dann, wenn übersehen wird, dass diese Persönlichkeitselemente nicht mit einer eingebildeten Natur verwachsen, sondern selbst Resultat zufälliger Entwicklungen, die von Ort und Zeit der Geburt bis zu besonderen familiären Einflüssen reichen, sind. Dass man ohne Identität nicht leben kann, heißt eben nicht, dass dafür genau jenes – und deshalb nur dieses! – spezielle Sammelsurium an Ansichten, Symbolen und Überzeugungen unabdingbar notwendig ist, das einem aus seiner zufälligen biographischen Situation heraus gerade anhaftet. Unsere Überzeugungen und Vorstellungswelten sind vielmehr immer auch Resultat unserer Lebensweise, zufälligen Herkunft, politischen Sozialisation, Interessenlage etc. – und damit grundsätzlich diskutier-, veränder-, kritisierbar.

Wenn man das weiß und verstanden hat, blickt man auf die eigene und fremde Identität nicht mehr mit der abgrenzenden Absolutheit, die üblicherweise religiösen und nationalistischen Fanatikern eigen ist. Vor allem die Zugehörigkeit zu nationalen Kollektiven ist eine von der politischen Herrschaft, den Staaten selbst vorgenommene Etikettierung, die man sich nicht einfach so ausgesucht hat und die herzlich wenig über wirkliche Gemeinsamkeiten mit anderen aussagt, die ebenfalls zufällig in derselben Nation geboren worden sind.

Weiterlesen auf den NachDenkSeiten vom 22. Juli 2015

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