Der deutsche Fluch

Porträt eines griechischen NS-Opfers: Der deutsche Fluch

Artikel auf Spiegel Online von David Böcking und Giorgos Christides

„Als Kind dachte Giannis Syngelakis, dass Frauen immer Schwarz tragen. Sein Vater wurde mit Hunderten anderer bei einem NS-Massaker auf Kreta ermordet. Der Verlust hat Syngelakis‘ Leben geprägt.

Ein Korb voller Eier – das ist die erste klare Erinnerung im Leben von Giannis Syngelakis. Der Siebenjährige trägt sie zum Dorfplatz. So wie es ihm seine Eltern aufgetragen haben. Andere Einwohner bringen Brot, Wein oder Ouzo. Damit wollen sie die Deutschen milde stimmen. Es ist der 14. September 1943, der Tag der Kreuzerhöhung, ein hohes Fest für orthodoxe Christen. Im Zentrum von Ano Viannos, einer Bergsiedlung im Südosten Kretas, trifft der Junge auf Wehrmachtssoldaten. Mehr als 2000 von ihnen stehen im Dorf. Sie sagen, die Bewohner hätten nichts zu befürchten. Und diese glauben ihnen.

Niemand kann sich vorstellen, dass an einem so hohen Feiertag etwas Schlimmes geschehen wird.

Wenige Tage zuvor haben griechische Partisanen drei Soldaten der Wehrmacht im nahe gelegenen Kato Simi getötet. Die schickte daraufhin zwei Infanteriekompanien.

Doch die Guerillas überraschten sie mit einem Hinterhalt. Das Gefecht dauerte viele Stunden. Am Ende sind ein Dutzend deutsche Soldaten tot.

Zwei Tage später in Ano Viannos: Der kleine Giannis hat mit seinem Korb den Dorfplatz erreicht. Dort ziehen Soldaten eine Linie, die niemand übertreten darf, erzählt der heute 79-Jährige. Auf der einen Seite müssen sich die Männer aufstellen. Auf der anderen die Frauen und Kinder.

Plötzlich taucht Giannis‘ Mutter auf. Vom Vater und dem Onkel, die nachkommen wollten, keine Spur. „Sie weinte, ihre Haare waren völlig durcheinander“, erzählt Giannis Syngelakis. Seine Stimme bricht. „Sie sagte: Komm, mein Sohn. Dein Vater ist getötet worden.“

Die Deutschen hatten Aristomenis Syngelakis und dessen Bruder zu Hause überrascht. Seine schwangere Frau schließen sie ein, zur Warnung schießen sie in einen Fensterrahmen. Was dann geschieht, wird die Familie für immer verändern.

Die Soldaten töten Giannis‘ Vater und den Onkel. An einem kleinen Bach neben dem Haus mähen sie Aristomenis Syngelakis mit Maschinengewehrsalven nieder. Die Kugeln zerfetzen den Körper. „Wir konnten nicht einmal seinen Kopf finden.“ Der Onkel stirbt durch zahlreiche Bajonettstiche.“

Weiter auf Spiegel Online vom 19.07.2015

The names of people executed by the Nazis in 1943. Part of the monument before entering Amiras.

By Lemur12 (Own work) [GFDL or CC BY 3.0], via Wikimedia Commons
Mahnmal an der Hauptstraße zwischen Ano Viannos und Amiras

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