Jakob Augstein: Vertrauenskrise: Trau, schau, wem!

Die Deutschen werden wieder zum Problem in Europa. In der Eurokrise geht es um Vertrauen. Aber nicht um das Vertrauen in Griechenland oder den Euro – sondern in Deutschland.

erster Mai 2015Schon im ersten Satz der Gipfelerklärung vom vergangenen Wochenende steht das Wort „Vertrauen“. Es ist da von Griechenland die Rede. Aber Griechenland ist der falsche Adressat. Wichtiger wäre es gewesen, sich an Deutschland zu wenden. Das größte und stärkste Land der Europäischen Union hat in dieser Krise viel Vertrauen verspielt. Der scheinbare Erfolg Angela Merkels verschleiert nur: Seit jener langen Nacht von Brüssel ist Deutschland wieder zum Problem geworden in Europa.

Man will das hierzulande nicht wahrhaben. Es herrscht schon wieder jene typisch deutsche nassforsche Selbstüberhebung vor, wie sie sich in den Worten von Thomas Strobl äußert, stellvertretender Vorsitzender der CDU: „Der Grieche hat jetzt lange genug genervt.“

Und weil der Grieche nervt, hätten die Deutschen ihn am liebsten aus dem Euro, wenn nicht aus der EU geworfen. Das gab es noch nie in der Geschichte der Europäischen Integration und in der deutschen Europapolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. Das ganze Gewicht, das Frankreich noch hat in Europa, musste es für die Griechen in die Waagschale werfen: „Wenn Griechenland in der Eurozone bleibt, dann wird es das dank Frankreich und dank François Hollande“, sagte Manuel Valls.

Jetzt beruhigen sich die Deutschen damit, dass sie es keineswegs allein waren, die die Griechen in den Staub traten: Die Länder des Nordens und Ostens halfen ohnehin dabei, aber auch Spanier, Italiener, Portugiesen und eben auch die Franzosen haben dem Papier von Brüssel zugestimmt.

Aber es braut sich da etwas zusammen am europäischen Horizont, für das Deutschland sich gar nicht wappnen kann. Der alte Europäer Romano Prodi hat gewarnt: „Meine Sorge ist, dass sich eine antideutsche Spannung entwickelt. Wir haben das Schlimmste verhindert, aber es entsteht ein tiefer Bruch zwischen Deutschland und vielen anderen Ländern.“ Sein Landsmann Matteo Renzi formulierte es kürzer: „Genug ist genug.“

„Wer hat die Deutschen zu Richtern über die Völker bestellt?“

Mit beängstigender Gleichgültigkeit gehen Medien und Politik in Deutschland darüber hinweg. Aber es ist eben nicht nur eine weitere Verbalinjurie des brauseköpfigen früheren Finanzministers, wenn Yanis Varoufakis sagt, die Vereinbarung von Brüssel sei das „Versailles unsere Tage“. Und es ist eben nicht nur angelsächische Kenntnislosigkeit europäischer Verhältnisse, wenn der englische „Telegraph“ schreibt: „Griechenland wird behandelt wie ein besetzter Feindstaat.“ Oder wenn der „Guardian“ entsetzt feststellt: „Die Euro-Familie wurde als Klub der Schuldenhaie entlarvt, dem die Demokratie gleichgültig ist.“ Oder wenn Roger Cohen, Kolumnist der „New York Times“, kurz zusammenfasst: „Die deutsche Frage ist zurück.“

Mehr lesen auf Spiegel Online vom 16.07.2015

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